Vom einsamen Elsen‑Hof geht es über den stillen Elsensee und den weiten Baberowsee nach Kagel – dorthin, wo einst das Cistercienser‑Feldkloster stand und die Kultivierung des Barnim entscheidend prägte. Weiter führt der Winterweg über Bauernsee und Liebenberger See zurück an die Löcknitz: Mühlen, alte Zoll‑ und Heerstraßen, Bienenwirtschaft in Kienbaum und ein heimkehrender Schlitten im mondhellen Forst beschließen den märkischen Streifzug.
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Originale Wiedergabe: Wir lassen den Text in der zeitgenössischen Rechtschreibung (1893) stehen. Wir haben nur offensichtliche OCR‑Fehler korrigiert – inhaltlich und sprachlich nichts modernisiert. (Digitalisat: Zentral‑ und Landesbibliothek Berlin).
Was war „Der Bär“? Eine illustrierte Berliner Wochenschrift (1875–1900) zu Geschichte, Orten und Kultur in Berlin & der Mark Brandenburg – eher Heimat‑/Kulturmagazin als Tageszeitung. Der Untertitel wechselte u. a. zu „Illustrierte Wochenschrift für vaterländische Geschichte“ bzw. „… eine Chronik für’s Haus“.
Für wen? Vor allem für ein bildungsnahes Publikum (Lehrkräfte, Vereins‑ und Geschichtsinteressierte). Mit Beiträgen u. a. von Theodor Fontane, Ernst Friedel, Paulus Cassel u. a. – also klar kultur‑ und lokalhistorisch geprägt, nicht tagespolitisch.
Karl Gotthard: Ein märkischer Streifzug auf Schlittschuhen, Fortsetzung statt Schluß (Teil 3) und Schluß (Teil 4), in: Der Bär. Illustrierte Wochenschrift für vaterländische Geschichte, Nr. 23, 4. März 1893, und Nr. 24, 11. März 1893 (Berlin). Digitalisat: Zentral‑ und Landesbibliothek Berlin, Freier Zugang, Public Domain.
Ein märkischer Streifzug auf Schlittschuhen (Teil 3)
Von Karl Gotthard
(Fortsetzung statt Schluß)
Der Bär, Nr. 23, 4. März 1893
Nach einer guten Viertelstunde erreichen wir wieder eine menschliche Wohnung, ein einsam, mitten im Walde gelegenes Bauerngehöft, umgeben von beschneiten Feldern: es ist der Elsen‑Hof, und sein Besitzer heißt der Elsen‑Schulze. Der Vater des jetzigen Besitzers, der aus Kagel stammte, hat sich hier angebaut, um seinen Aeckern näher zu wohnen. Im Winter führt der Elsen‑Schulze ein wahres Einsiedlerleben: während der ganzen Woche sieht er häufig keine anderen Menschen als seine Frau, seinen Knecht und seine Magd; nur des Sonntags, wenn er die Kirche in Kagel besucht, kommt er mit der übrigen Welt in Berührung. Selbst der Bote Stephans kehrt bei der wenig ausgebreiteten Korrespondenz des Elsen‑Schulzen nur äußerst selten im Elsen‑Hof ein; hat er zu Ende der Woche einmal einen Brief für den Elsen‑Schulzen oder für einen anderen Bewohner des Hofes, so läßt er ihn in Kagel, weiß er doch, daß er Sonntags abgeholt wird.
Der kleine, anmutig gelegene Elsensee, dessen glatte Eisfläche unmittelbar hinter dem Gehöft zwischen beschneiten Erlensträuchern hervorblitzt, ermöglicht uns die Fortsetzung unserer Schlittschuhfahrt. Nach wenigen Minuten biegen wir um eine hervorspringende Waldecke und erblicken vor uns ein schönes Winterlandschaftsbild. Schneebedeckte Acker‑ und Wiesenstreifen schließen den Elsensee ab, links von einer mäßig hohen, kahlen Hügelkette, rechts von Kiefernwald eingefaßt. Hinter dem Schneefelde breitet sich die dunkle, schneefreie Eisfläche des Baberowsees aus, an dessen jenseitigem Ufer sich die Häuser des Dorfes Kagel, überragt von dem schlanken Kirchturm, malerisch gruppieren.
Bald ist das Ende des Elsensees erreicht, bald auch der diesen See vom Baberowsee trennende Wiesenstreifen durchschritten, und dahin geht’s im sausenden Lauf über den Baberowsee hinweg, gerade auf den Kirchturm zu. Just an der Stelle, wo sich einst das Feldkloster der Cistercienser erhob, betreten wir das Ufer. Der Nichteingeweihte würde achtlos vorüberschreiten an dieser Stelle, die für die Kultur der Mark und speziell des Barnim von so hoher Bedeutung ist; denn nichts erinnert mehr daran, daß hier ehedem die Wohnstätte betriebsamer, rastlos thätiger Mönche gestanden hat, denen das Land ringsum im weiten Kreise so vieles verdankt. Nur einige Spuren des Fundaments finden sich noch unter der Erde, auf die zuweilen des Ackerers Pflugschar stößt, und tief in den Grund des Sees nahe dem Ufer eingerammte mächtige Eichenstämme, die bei niedrigem Wasserstande sichtbar werden.
Die Cistercienser haben dem Namen dieses an sich reizlosen, weltvergessenen Dörfchens einen Klang gegeben, der noch heute manchen mit der Geschichte der Mark vertrauten Wanderer in diese abseits der breiten Heerstraße gelegene Gegend führt. Über den Ursprung des Klosters Kagel und die Zeit seiner Entstehung sind die Meinungen verschieden; doch steht fest, daß Kagel und Zinna in engster Verbindung standen und daß von hier aus das Werk der Christianisierung und Germanisierung des Barnim mit Tatkraft betrieben wurde.
(Schluß folgt.)
Teil 4
Doch setzen wir unseren Streifzug fort. Wie der Baberowsee die Westseite, so flankiert der Bauernsee die Ostseite von Kagel. Beide Seen sind durch einen schmalen Graben miteinander verbunden, über den am Südausgange des Dorfes eine kleine Brücke führt. Die Sonne des kurzen Wintertages steht schon dem westlichen Horizonte bedenklich nahe, und wir müssen uns beeilen, wenn wir noch vor Dunkelwerden das Ziel unserer Fahrt erreichen wollen.
Ein frischer Wind im Rücken erleichtert uns den Lauf über den Bauernsee, an dessen linkem Ufer sich eine Reihe von Gehöften, „der Dudel“, hinzieht, während sich zur Rechten eine weite Schneefläche ausbreitet, aus der hin und wieder eine verkrüppelte Fichte hervorragt. Der Bauernsee verengert sich allmählich, indem von rechts und links je eine mit Schilf und Rohr bewachsene Landzunge in das Wasser hineinragt. Zwischen den Spitzen dieser Landzungen hindurch gelangen wir in den Liebenberger See.
Zur rechten zieht sich jetzt Kiefernwald an den See heran, während sich links die verschneite Feldflur von Kagel ausdehnt, begrenzt von der Berlin-Frankfurter Chaussee, deren Richtung wir am Horizont an den sie einfassenden hohen Pappeln verfolgen können vor uns. Am östlichen Ende des Sees, markieren sich deutlich die dunklen Umrisse des Müncheberger Stadtforsts. Wir schlagen die Richtung nach dem rechten Ufer zu ein und zwar dorthin, wo zwischen kahlen Bäumen und Sträuchern das beschneite Dach einer Wassermühle hervorschaut. Hier ist das Ende unserer Schlittschuhfahrt.
An dieser Mühle vorbei wandern wir in
wenigen Minuten zu einer anderen, der Liebenberger Mühle an der Löcknitz. Wir erreichen hier also wieder den Fluß, den wir kurz vor Fangschleuse verlassen hatten.
Die Liebenberger Mühle ist jedenfalls eine der ersten Anlagen der Cisterciensermönche von Kagel gewesen. Eine Brücke führt uns auf das linke Ufer der Löcknitz, wo wir noch zwei Häuser, das ehemalige Zollhaus und den ehemaligen Braukrug, antreffen. Hier bei Liebenberg, wo der halbe Weg zwischen Berlin und Frankfurt an der Oder ist, ging früher die große Heerstraße nach Frankfurt vorbei; infolgedessen befand sich hier eine Zollstätte, die ziemlich bedeutende Einnahmen gehabt zu haben scheint.
Schon 1319 bestand der Ort Liebenberg; denn da verstattete der Herzog Wratislaw der Stadt Müncheberg, soviel Bau- und Brennholz als sie gebrauchte, aus der Heide zu Livenberghe zu holen. Durch eine am 1. Februar 1364 von Berlin aus erlassene Verordnung verlegte der Markgraf Ludwig der Römer die bis dahin über Liebenberg gegangene Straße nach Müncheberg; trotzdem aber wurde der Verkehr über Liebenberg nicht gänzlich abgelenkt, und der Zoll bestand, wenn auch als Nebenzoll von Müncheberg, fort. Dieser Zoll gehörte von altersher dem Landesherrn.*)
Im Jahre 1469 bestimmte der Kurfürst Friedrich II. unter anderem den Zoll von Liebenberg zur Dotation für das Kollegium des von ihm gegründeten Domstifts zu Berlin.**) Seit der Erbauung der Berlin–Frankfurter Chaussee, die eine halbe Stunde nördlich von Liebenberg über Müncheberg führt, und seit Vollendung der Niederschlesisch–Märkischen Eisenbahn, ist die alte Heerstraße über Liebenberg gänzlich verödet; und wer dennoch einmal diese Straße benutzen muß, der zetert sicherlich über den unergründlichen, mahlenden Sand, der die Wagenräder tief einschneiden läßt und den Zugtieren die äußerste Anstrengung auferlegt. —
Wir wandern nun eine kurze Strecke am linken Ufer der Löcknitz entlang und gelangen bald an dem kleinen verschneiten Kirchhof vorbei zu dem nahe gelegenen Dorfe Kienbaum. Auch Kienbaum hat, wie Kagel, in früheren Zeiten eine bedeutsame Rolle gespielt, und sein Name — der seinen Ursprung einer mächtigen Kiefer oder Kiene verdanken soll, die ehemals am Ausgange des Dorfes, nach der Liebenberger Mühle zu, gestanden hat — dürfte keinem intelligenten Bienenzüchter, der mit der Geschichte seiner Wissenschaft nur einigermaßen vertraut ist, unbekannt sein; denn das jetzt so stille, armselige Heidedorf, dessen Bewohner sich abmühen müssen, um dem sterilen Sandboden eine kümmerliche Ernte abzugewinnen, war vor Jahrhunderten der Kongreßort der märkischen Imker.
Johannes Colerus, der alte märkische landwirtschaftliche Schriftsteller, berichtet in seinem Nützlichen Bericht von den Bienen oder Immen vom Jahre 1611 über den jährlichen Kongreß der Bienenzüchter in Kienbaum Folgendes:
„Hier in der Nähe von Berlin halten die Ziedler von Fürstenwalde, Storkow, Köpnick, Beeskow und da umher alle Jahre einen Tag zum Kihn-Baum jenseit Luten-Berge (Liebenberg?), am Sonntage nach Bernhardt. Dahin kommen dann viele Ziedler, mehr denn in die dreißig. Da geben sie meinem Herrn (dem Kurfürsten) 4 Tonnen Honig, oder, wenn sie nicht Honig geben können, so zahlen sie dafür 36 Thlr. aus.
Da richten und urteilen sie untereinander, was ein jeder das Jahr durch verbrochen und verwirkt hat. Hat sich nun einer etwa an eines andern seinen Beuten vergriffen, oder einen Schwarm aufgefangen oder was er sonst mag getan haben, so wird er alldort gebunden und hinter den Ofen gesetzt und wird heiß eingeheizt.
Wer ihm einen Trunk Bier schenkt, der muß eine Tonne Bier zur Strafe geben. Es wird ihnen auch allda von wegen meines Herrn verreichet eine Tonne Bier und 2 Schll. Brodt, und ein Viertel Erbsen. Dazu legen sie von dem Ihrigen auch noch andere vier Faß und schlemmen etliche Tage nacheinander.
Sie haben außen schöne Heiden und schöne Wiesen dazu. Sie kaufen einander die Honig‑Zeidelung, Bienen und Beuten ab, wie andere gemeine Erbgüter, geben Leihkauf und werden eingewiesen. Darnach die Heiden sind, darnach geben sie dafür. Wer nur eine halbe Heide hat, der gibt nur die Hälfte; wer eine ganze Heide hat, der gibt es ganz. Um 8, 9, 10 Schock kann man eine ganze Heide kaufen.
Es hat auch ein jeder Macht, 12 neue Bauten auszubauen, doch muß solches auch mit Bewußt und Bewilligung des Heidereuters geschehen.
Es taugen aber nicht alle Bäume dazu; die rindfelligen und nicht von dichten sind, die nehmen sie nicht dazu. Hier hat man die Bienen in Wäldern in eitel fichtenen oder Kihnbäumen.“
So weit Colerus.*)
Wie in Kagel, so erinnert auch in Kienbaum heute nichts mehr an die Zeit der einstigen Größe: kaum dürften sich noch hier und da bei einem der Bewohner ein paar schwach bevölkerte Bienenkörbe finden. —
Nach einem frugalen Abendbrot im Dorfkrug bestiegen wir den Schlitten des Wirtes, der uns an dem prächtigen, mondhellen, sternklaren Winterabend durch den schweigenden, im Winterkleide prangenden Hangelsberger Forst nach der Station Hangelsberg der Niederschlesisch–Märkischen Eisenbahn befördert, von wo uns dann das Dampfroß bald zu den heimatlichen Penaten zurückführt.
Fußnoten
*) S. W. Wohlbrück, Geschichte des ehemaligen Bistums Lebus, Teil I, S. 682; Teil II, S. 194.
**) C. E. Geppert, Chronik von Berlin, Bd. I, S. 44.
*) Näheres über die frühere Bienenwirtschaft in Kienbaum: Th. Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Teil IV (Spreeland).
(Schluß.)
