Von Fangschleuse aus führt uns der Weg über den Werlsee nach Grünheide: vorbei an der Gottesbrücke und alten Grenzzeichen, über die stille Insel Lindwall mit der Sage vom „Riesenfräulein“, hinein zwischen Werlsee, Peetzsee und den geschwungenen Möllensee. Schulhaus, Kirchlein und das Knirschen der Holzpantinen auf dem Eis – eine Winter‑Momentaufnahme, die Grünheide in hellem Licht zeigt.
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Originale Wiedergabe: Wir lassen den Text in der zeitgenössischen Rechtschreibung (1893) stehen. Wir haben nur offensichtliche OCR‑Fehler korrigiert – inhaltlich und sprachlich nichts modernisiert. (Digitalisat: Zentral‑ und Landesbibliothek Berlin).
Was war „Der Bär“? Eine illustrierte Berliner Wochenschrift (1875–1900) zu Geschichte, Orten und Kultur in Berlin & der Mark Brandenburg – eher Heimat‑/Kulturmagazin als Tageszeitung. Der Untertitel wechselte u. a. zu „Illustrierte Wochenschrift für vaterländische Geschichte“ bzw. „… eine Chronik für’s Haus“.
Für wen? Vor allem für ein bildungsnahes Publikum (Lehrkräfte, Vereins‑ und Geschichtsinteressierte). Mit Beiträgen u. a. von Theodor Fontane, Ernst Friedel, Paulus Cassel u. a. – also klar kultur‑ und lokalhistorisch geprägt, nicht tagespolitisch.
Karl Gotthard: Ein märkischer Streifzug auf Schlittschuhen, 1. Fortsetzung, in: Der Bär. Illustrierte Wochenschrift für vaterländische Geschichte, Nr. 22, 25. Februar 1893 (Berlin). Digitalisat: Zentral‑ und Landesbibliothek Berlin, Freier Zugang, URN: urn:nbn:de:kobv:109-1-14648529.
Ein märkischer Streifzug auf Schlittschuhen — 1. Fortsetzung
Von Karl Gotthard
Noch eine kleine Biegung des Flusses, und wir stehen am Rande des Waldes. Vor uns breitet sich eine weite Schneefläche aus, welche im Hintergrunde von den Häusern der Kolonie Fangschleuse begrenzt wird. Die eigentliche Löcknitz wendet sich jetzt scharf nach rechts, während der breitere Flußlauf, der links weiter führt, von dem Kanal gebildet wird, der die Verbindung mit der Seenkette hinter Fangschleuse herstellt. Ehe wir in diesen Kanal einbiegen, wollen wir den weiteren Lauf der Löcknitz schildern.
Am Rande des Waldes schlängelt sie sich hin, um bald zum ersten Male seit ihrer Mündung ihren freien Lauf durch das Joch einer Brücke, der Gottesbrücke, zu zwängen. „Gottesbrücke,“ woher dieser Name? — Wahrscheinlich von den Cisterciensermönchen des Klosters Zinna, die in Kagel auf dem Barnim ein Feldkloster, eine Grangie, besaßen und auf ihren häufigen Reisen von und nach dem Mutterkloster an dieser Stelle die Löcknitz passierten. — Eine kurze Strecke oberhalb der Gottesbrücke ist auch das linke Ufer des Flüsschens wieder bewaldet, und von jetzt ab begleitet der Wald rechts und links mit wenigen Unterbrechungen die Löcknitz fast bis zur Quelle. In einem anmutigen Thale zwischen Wiesen und Wald fließt sie dahin. Eine zweite Brücke beim „Großen Wall“ verbindet ihre Ufer, im Sommer teilweise überschattet von den weitausgreifenden Zweigen einer mächtigen uralten Eiche, die zur linken Seite wie ein einsamer Riese unter den Kiefern von einer weit entlegenen Vergangenheit träumt. — Von einer steilen Anhöhe rechts grüßt weiter das Forsthaus Schmalenberg hernieder, eine freundliche, echte, rechte Försterwohnung. In einem weiten Bogen wendet sich dann die Löcknitz nach Osten und nähert sich im äußersten Punkte dieses Bogens der Spree auf eine Entfernung von nur einigen hundert Schritten.
An dieser Stelle ziehen sich ein noch deutlich erkennbarer Wall und Graben zwischen den beiden Gewässern durch den Forst. Die Anlage wird in älteren Forstkarten mit dem Namen „Schwedenschanze“ bezeichnet und macht im ersten Augenblick auch den Eindruck einer alten Befestigung, die den Zweck hatte, den Engpaß zwischen den beiden Flußthälern zu sperren; sie bildet in Wahrheit aber nur eine einfache Grenzmarke. Früher bildete nämlich die Löcknitz von Kienbaum ab bis hierher die Grenze zwischen dem alten Kreise Ober‑Barnim und Lebus. Von hier aus nun sprang die Grenze längs des erwähnten Grabens zur Spree über, wie dies noch deutlich auf der Karte des Ober‑Barnimschen Kreises von C. L. von Oesfeld vom Jahre 1786 ersichtlich ist. Erst bei der im Jahre 1821 erfolgten Neueinteilung der Kreise wurden die Grenzen so festgesetzt, wie sie noch heute bestehen, d. h. das ganze Rüdersdorfer Forstrevier wurde dem Kreise Nieder‑Barnim zugeteilt und die Grenze gegen den Kreis Lebus hin weiter vorgeschoben.
Wenn wir den Lauf der Löcknitz weiter aufwärts verfolgen, gelangen wir bald zu der reizend gelegenen Mühle von Klein‑Wall, die im Sommer mit klapperndem Gruß den Wandrer willkommen heißt. Rauschend und plätschernd stürzt sich dann der kleine märkische Fluß über das Mühlenwehr und treibt die Räder einer Mahl‑ und Sägemühle. Etwa eine Stunde oberhalb Klein‑Wall liegt am linken Ufer das stille Heidedorf Kienbaum, von dem wir weiter unten ausführlicher berichten werden. Wenige Schritte weiter treffen wir die Liebenberger‑Mühle an und nähern uns jetzt schnell der Quelle des kleinen Flüsschens, welches hier aus dem Roten Luch, nördlich von der Berlin‑Frankfurter Chaussee, einen Teil seines Wassers durch einen Graben erhält. Unmittelbar da, wo die Löcknitz aus dem im Müncheberger Stadtforst schön gelegenen Maxsee tritt, liegt die Neue Mühle; eine vierte Mühle (die erste, die die Löcknitz seit ihrem Ursprung treibt) liegt eine kurze Strecke vor ihrem Eintritt in den See, bei dem Dorfe Hoppegarten. Die Löcknitz ist dort ein kleines, schmales Bächlein, das auf den Stallbergen östlich des genannten Dorfes entspringt.
Doch setzen wir jetzt den unterbrochenen Schlittschuhlauf fort. Wir verlassen also die Löcknitz da, wo sie bei Fangschleuse aus dem Walde tritt, und lenken in den Kanal ein, der sich nach links abzweigt und im Halbkreise die Feldflur von Fangschleuse, wegen ihrer halbinselartigen Lage „Der Sack“ genannt, umfließt. Bald ist die Brücke von Fangschleuse erreicht, wo wir festes Land betreten, um im freundlichen Wirtshause dem knurrenden Magen sein Recht zu gewähren und uns für die weitere Fahrt zu stärken.
Die Kolonie Fangschleuse, die wegen ihrer schönen Lage im Wald und am Wasser neuerdings von den Berlinern als Sommerfrische sehr geschätzt wird, hat ihren Namen jedenfalls von der kleinen Schleuse, die ehedem an der Stelle der jetzigen Brücke das Wasser aus den Seen oberhalb des Ortes auffing; sie ist eine der vielen Ansiedelungen, die Friedrich der Große in dem ausgedehnten Rüdersdorfer Forst anlegte und mit fremden Kolonisten besetzte; sie ist aber schon in vorgeschichtlicher Zeit bewohnt gewesen, wie dies zahlreiche Urnenscherben auf der Feldmark beweisen. — Fast jede Häusergruppe des freundlich gelegenen Ortes hat ihre besondere Bezeichnung: wir haben da den Winkel, das Schlößchen, den Sack, die Gottesbrücke, das Bergluch u. s. w. Mit den weiter oben zu erwähnenden Ortschaften Grünheide und Alt‑Buchhorst bildet Fangschleuse jetzt die politische Gemeinde Werlsee, so benannt nach dem See, der sich unmittelbar hinter Fangschleuse bis Grünheide erstreckt, und den wir jetzt vom Garten des Wirtshauses aus wieder betreten, um unsere Schlittschuhfahrt fortzusetzen.
Der Werlsee ist eine fast kreisrunde Fläche, in deren Mitte eine kleine Insel, der Lindwall, liegt, umsäumt von schlanken Erlen, durch deren kahle Zweige hindurch die schneebedeckten Dächer der Kolonie Grünheide am andern Ufer des Sees in der hellen Mittagssonne freundlich zu uns herübergrüßen. Zwischen dem Lindwall und den rechts am Ufer liegenden Häusern von Bergluch nehmen wir unseren Lauf über den See. Auch auf dem Lindwall werden Urnenscherben gefunden, welche beweisen, daß die Insel früher ein wendischer Begräbnißplatz gewesen ist. In historischer Zeit stand hier ein Jagdschloß Joachims II. Als dieser Fürst bald nach der Errichtung des kurfürstlichen Amtes Rüdersdorf, welcher Ort mit seinen Kalksteinbrüchen bekanntlich früher dem Kloster Zinna gehörte, nach dem neuen Amte kam, da mag er auf seinen Jagdstreifen durch den Rüdersdorfer Forst auch in die Gegend von Grünheide gekommen sein. Der wildreiche Forst mit seinen schönen Seen gefiel dem weidlustigen Kurfürsten so gut, daß er jedenfalls öfter hier jagte und zu seiner besseren Bequemlichkeit in „der grünen Heide“ ein Jagdschloß erbauen ließ.
Der Wald erstreckte sich zu damaliger Zeit, wie zum Teil noch heute, fast von den Thoren Berlins, an beiden Ufern der Spree, bis hinter Fürstenwalde und umfaßte die Reviere der jetzigen Oberförstereien Köpenick, Rüdersdorf, Hangelsberg, Friedersdorf und Colpin. Im Jahre 1557 hat sich Joachim auch die Jagd und Wildbahn in der angrenzenden Fürstenwaldschen Großen und Kleinen Heide gegen Entrichtung von 600 Gulden und Einräumung eines Kalkbruches zu Rüdersdorf an die Stadt Fürstenwalde von dem Rate daselbst abtreten lassen.*) Für dieses gewaltige Jagdgebiet nun mochte das Jagdschloß zu Köpenick nicht ausreichen, deshalb ließ der Kurfürst in der „grünen Heide“ ein neues Jagdschloß errichten.
Unter dem „Schloß“ darf man sich nun freilich keinen großartigen Palast mit weiten Hallen und prächtigen Sälen, mit Thürmen und Zinnen vorstellen, sondern einen höchst einfachen Bau, nur darauf berechnet, ein bescheidenes Unterkommen während einiger Jagdtage zu gewähren. — Man war lange im Zweifel, wo dieses Jagdschloß oder besser wohl „Jagdhaus“, das wahrscheinlich in den Wirren des 30jährigen Krieges zerstört worden ist, dereinst gestanden haben könnte: ob auf der Insel oder am Ufer des Sees, in oder bei der heutigen Kolonie Grünheide.**) Nach unserer Meinung hat dasselbe auf dem Lindwall im Werlsee gestanden und zwar aus folgenden Gründen: Auf der südöstlichen Ecke dieser Insel, Bergluch gegenüber, finden sich noch heute zahlreiche Kalksteintrümmer und Mörtelreste, und aus der Erde sind noch in den sechziger Jahren viele Kalksteine, als Reste eines alten Fundamentes, gegraben und zum Bau neuer Häuser benutzt worden. Es kann also kein Zweifel darüber herrschen, daß hier ehemals ein aus Steinen aufgeführtes Gebäude gestanden hat. Eine einfache Bauern‑ oder Büdnerwohnung kann es kaum gewesen sein, da solche Häuser in früherer Zeit meistens leichte Fachwerkbauten aus Holz und Lehm waren; außerdem wäre die Lage auf der kleinen Insel mitten im See für ein derartiges Haus und dessen Bewohner auch wohl zu unbequem gewesen, für ein kurfürstliches Jagdhaus dagegen ganz geeignet. Eine ähnliche markante Stelle am Ufer des Sees ist uns, die wir diese Gegend sehr genau zu kennen meinen, bisher auch nicht aufgestoßen. — Auch die Sage hat das stille Eiland mit ihrem Zauber umwoben; sie erzählt uns, daß vor grauen Jahren am Ufer des Werlsees sich ein mächtiges Schloß gewaltiger Riesen erhoben habe. Das Riesenfräulein, welches die Gemächer dieses Schlosses zu reinigen hatte, habe den Kehricht stets mitten in den See geworfen und daraus sei nach und nach der Lindwall entstanden.
Wir nähern uns jetzt Grünheide. Das erste Haus rechts am See ist die Schule. Die mit Glücksgütern nicht allzu reichlich gesegneten Bewohner der Gemeinde Werlsee, die meistens als Schiffer im Sommer ihrem mühsamen Beruf obliegen, während sie im Winter in dem Forst beschäftigt werden, haben das Schulhaus im Mittelpunkt der ausgedehnten Gemeinde erbaut, und die Kinder von Fangschleuse und Alt‑Buchhorst haben im Winter bei hohem Schnee oft einen beschwerlichen Weg zur Schule; im allgemeinen ist ihnen aber die Bewegung nach dem stundenlangen Aufenthalt in der dumpfen Schulstube sehr dienlich und scheint ihrer Gesundheit recht förderlich zu sein, denn die roten Pausbacken der munteren Buben und Mädchen, die soeben in hellen Scharen das Schulhaus verlassen, zeugen von Wohlbefinden und Frische. Mit lautem Jubel streben alle dem Eise des Sees zu, um auf ihm den Heimweg anzutreten. Einige ältere Knaben führen sogar Schlittschuhe mit sich, die sie mit Riemen und Strippen in höchst komplizierter Weise an den Stiefeln befestigen, um dann in hastigem Lauf die vorausgeströmten Kameraden und Mädchen zu überholen, welche in ihren klappernden Holzpantinen mit einer Sicherheit und Gewandtheit über das glatte Eis schlittern, die uns höchlichst in Erstaunen setzt. — Seitwärts vom Schulgebäude ragt auf einer Anhöhe über die sie umsäumenden weißen Birken der zierliche Thurm des kleinen Kirchleins hervor, das erst in jüngster Zeit errichtet wurde, um den Bewohnern den weiten Weg zur Kirche nach Rüdersdorf, wohin die Gemeinde Werlsee eingepfarrt ist, zu ersparen. — Hinter dieser Anhöhe liegen zwischen dem Werlsee und Peetzsee malerisch die wenigen Häuser der Kolonie Grünheide. Die beiden Seen stehen durch einen überbrückten Kanal mit einander in Verbindung. Der Peetzsee ist gestreckter als der Werlsee und zieht sich in beinahe rechtwinkliger Krümmung durch den Wald bis Alt‑Buchhorst hin. Hinter dieser Kolonie liegt der Möllensee; auch er ist mit dem Peetzsee durch einen Kanal verbunden. Der Möllensee ist unstreitig der schönste der drei Seen: schmal und mannigfach gekrümmt windet er sich, gleichsam wie ein breiter Flußlauf, anmutig durch den Forst. Seine ziemlich steilen Ufer sind mit schönen, alten Kiefern bewachsen, während sich dicht am Rande des Sees ein Kranz von Erlenbüschen hinzieht. Nur hin und wieder tritt ein schneebedeckter Wiesenstreifen an den See heran. An seiner schmälisten Stelle erstreckt sich vom linken Ufer aus eine kleine halbinselartige, mit Buschwerk bewachsene Landzunge in den See hinein, welche „der Burgwall“ genannt wird. Dieser Name, besonders aber auch die Lage der schmalen Halbinsel, welche gegen das Ufer hin leicht vertheidigt werden kann, gaben der Vermutung Raum, daß hier ehedem eine vorgeschichtliche Ansiedelung bestanden haben könnte, und daß sich vielleicht noch prähistorische Fundstücke ermitteln ließen; aber die dieserhalb angestellten Untersuchungen des Herrn Stadtrats Friedel vom Märkischen Provinzial‑Museum blieben völlig resultatlos.
Gleich hinter diesem Burgwall erblicken wir am linken Ufer des Sees, an einer buchtartigen Erweiterung desselben, das schneebedeckte Dach eines kleinen, niedrigen Hauses und vor demselben am Bollwerk mehrere eingefrorene Zillen: es ist eine Steinablage und das Haus die Wohnung des Aufsehers. Diese Ablage ist von den Besitzern der Ziegeleien des eine halbe Stunde entfernten Dorfes Herzfelde angelegt worden, um von hier aus die gebrannten Ziegelsteine zu verschiffen. Eine Pferdebahn verbindet die Ablage mit den einzelnen Ziegelöfen, und auf ihr herrscht im Sommer ein reges, geschäftiges Treiben: Züge von 10 bis 12 Wagen, von denen jeder etwa 1000 Mauersteine faßt, rollen, von zwei Pferden gezogen, in kurzen Zwischenräumen zur Ablage heran und bringen die roten und gelben Mauersteine, die hier entweder aufgesetzt oder auch sogleich in die bereit stehenden Kähne verladen werden. Als Rückfracht nehmen die Wagen meistens Stein‑ und Braunkohlen, welche von Schlesien und Böhmen zu Wasser bis hierher gebracht wurden, zur Feuerung für die Ziegelöfen ein. Jetzt liegt die Ablage freilich verödet da, und der Aufseher führt mit seiner Familie ein einsames Dasein.
Eine kurze Strecke hinter dieser Ablage erreichen wir das Ende des Möllensees und auch das vorläufige Ende unserer Schlittschuhfahrt. Zwar mündet hier ein kleiner Graben in den See, aber derselbe ist so schmal und unbedeutend, daß wir auf demselben mit den Schlittschuhen nicht vorwärts kommen würden. Wir entledigen uns daher derselben und wandern durch den Schnee auf wenig betretenem Pfade am Saume eines Stangenholzes weiter.
(Schluß folgt.)
* Goltz, Diplomatische Chronik von Fürstenwalde, S. 192.
** Seydel, Mitteilungen aus der Geschichte Rüdersdorfs und der benachbarten Ortschaften, S. 35.
